Hengaws Erklärung zum Internationalen Tag der Muttersprache

Hengaw: Freitag, 21. Februar 2025
Der 21. Februar, der Internationale Tag der Muttersprache, erinnert an ein in internationalen Menschenrechtsdokumenten anerkanntes Grundrecht: das Recht jedes Einzelnen und jeder Sprachgemeinschaft, ihre Muttersprache zu bewahren, zu entwickeln und weiterzugeben, ohne Angst vor Diskriminierung, Unterdrückung oder Zwangsassimilation.
Sprachliche Rechte als Menschenrecht
Das Recht auf die eigene Muttersprache ist ein untrennbarer Bestandteil des Rechts auf Identität, freie Meinungsäußerung, Zugang zu Bildung und kulturelle Teilhabe. Dieses Recht wurde in mehreren internationalen Dokumenten hervorgehoben:
- Artikel 27 des Internationalen Pakts über bürgerliche und politische Rechte: Sprachliche Minderheiten haben das Recht, ihre Sprache zu benutzen.
- Artikel 30 des Übereinkommens über die Rechte des Kindes: Jedes Kind, das einer sprachlichen Minderheit angehört, hat das Recht, seine Muttersprache zu benutzen.
- UN-Erklärung über die Rechte indigener Völker (Artikel 13 und 14): Betont das Recht der indigenen Völker, ihre Sprachen zu bewahren, wiederzubeleben und in ihnen zu unterrichten.
- UNESCO-Empfehlungen zur kulturellen Vielfalt und mehrsprachigen Bildung: Die Regierungen müssen Maßnahmen zur Förderung der Muttersprachen ergreifen.
In diesen Dokumenten wird bekräftigt, dass die Sprache nicht nur ein Kommunikationsmittel ist, sondern auch ein grundlegender Bestandteil der kulturellen, historischen und politischen Identität von Sprachgemeinschaften. Die Verweigerung dieses Rechts ist nicht nur eine Verletzung der individuellen Freiheiten, sondern auch eine Form der strukturellen Diskriminierung, die zur Erosion der kulturellen Vielfalt führt.
Systematische Verletzungen der sprachlichen Rechte im Iran
Der Iran ist eines der sprachlich vielfältigsten Länder der Welt, in dem Kurdisch, Türkisch, Arabisch, Belutschisch, Turkmenisch, Lurisch, Gilaki und andere Sprachen gesprochen werden. Die Politik der Islamischen Republik Iran steht jedoch in direktem Widerspruch zu den oben genannten Menschenrechtsprinzipien. Die Regierung hat im Rahmen einer breit angelegten Kampagne zur Unterdrückung nicht-persischer Identitäten systematisch gegen sprachliche Rechte verstoßen.
1. Verweigerung des muttersprachlichen Unterrichts
Artikel 15 der iranischen Verfassung sieht die Möglichkeit vor, nicht-persische Sprachen in den Medien zu verwenden, beschränkt jedoch den offiziellen Unterricht in Schulen und Universitäten strikt auf Persisch. Diese Politik diskriminiert systematisch Millionen nicht-persischsprachiger Kinder und zwingt sie, in einem Umfeld zu lernen, in dem ihre Muttersprache unterdrückt, herabgesetzt oder ignoriert wird. Diese Ausgrenzung verstößt gegen das Recht auf gleiche Bildung und Nichtdiskriminierung beim Zugang zu Bildungschancen.
2. Kulturelle Unterdrückung und Kriminalisierung von sprachlichem Aktivismus
Schriftsteller, Journalisten und Kulturaktivisten, die sich für ihre Muttersprachen einsetzen, werden inhaftiert und schwer unterdrückt.
Strenge Beschränkungen für die Veröffentlichung von Büchern, unabhängigen Medien und kulturellen Produktionen in nicht-persischen Sprachen haben zu einer weit verbreiteten Zensur geführt.
Das inoffizielle Verbot, nicht-persische Namen für Kinder zu registrieren, ist eine Form der kulturellen Identitätspflege, die darauf abzielt, die sprachlichen Bindungen zu schwächen.
3. Das drohende Aussterben von Sprachen im Iran
Die Politik der Islamischen Republik Iran hat die Sprachenvielfalt im Iran stark gefährdet und mehrere weit verbreitete Sprachen zum Aussterben gebracht. Die fehlende institutionelle Unterstützung, die eingeschränkte Verwendung im öffentlichen Raum, die Beschränkung von Veröffentlichungen und die Auferlegung eines einsprachigen Bildungssystems haben die Weitergabe dieser Sprachen von Generation zu Generation geschwächt, so dass sie von einer allmählichen Auslöschung bedroht sind.
Sprachliche Diskriminierung als strukturelle Unterdrückung
Die Verweigerung sprachlicher Rechte ist nicht nur ein kulturelles oder bildungspolitisches Problem - sie ist ein Instrument der Herrschaft, der Unterdrückung der Identität und der systematischen Diskriminierung im Iran. Zu den Folgen dieser Politik gehören:
- Ungleichheit beim Zugang zu wirtschaftlichen und sozialen Chancen: Kinder, denen der Unterricht in ihrer Muttersprache vorenthalten wird, haben größere Schwierigkeiten, einen Arbeitsplatz zu finden und eine höhere Ausbildung zu absolvieren.
- Entfremdung und Identitätskrisen: Die Auferlegung einer anderen Sprache als der Muttersprache führt zu einer Kluft zwischen den Generationen und zu einem tiefen Gefühl der Entmündigung innerhalb der Sprachgemeinschaften.
- Marginalisierung im politischen und sozialen Leben: Der Ausschluss nicht-persischer Sprachen aus dem öffentlichen Raum schränkt die politische und soziale Teilhabe sprachlicher Minderheiten an Entscheidungsprozessen ein.
Die Rolle der internationalen Gemeinschaft und der Menschenrechtsorganisationen
Die sprachliche Unterdrückung im Iran stellt einen kulturellen Völkermord und eine systematische Verletzung der Menschenrechte dar, die von der internationalen Gemeinschaft nicht ignoriert werden darf.
Die Menschenrechtsorganisation Hengaw ruft alle Menschenrechtsinstitutionen, internationalen Organisationen und Befürworter der Meinungsfreiheit dazu auf:
1. Die Sprachpolitik der iranischen Regierung als eine Form der rassischen, kulturellen und sprachlichen Diskriminierung zu verurteilen.
2. Verletzungen der sprachlichen Rechte in internationalen Berichten über die Menschenrechtssituation im Iran hervorzuheben.
3. Unterstützung von Basisbewegungen, die sich für die Erhaltung und Förderung der Muttersprachen im Iran einsetzen.
4. Druck auf Regierungen und internationale Gremien ausüben, um die iranische Regierung für ihre internationalen Verpflichtungen in Bezug auf die sprachlichen Rechte zur Rechenschaft zu ziehen.
Der Kampf für die Sprache ist ein Kampf für die Freiheit
Die Menschenrechtsorganisation Hengaw ist der festen Überzeugung, dass der Kampf für sprachliche Rechte Teil des umfassenderen Kampfes für Freiheit, Gerechtigkeit und Gleichheit ist. Das Recht auf Bildung und den Gebrauch der eigenen Muttersprache ist keine zweitrangige oder rein kulturelle Forderung, sondern ein Grundrecht und ein wichtiges Mittel, um sich gegen systematische Unterdrückung zu wehren.
Die Sprache ist eines der mächtigsten Werkzeuge des Widerstands gegen den Autoritarismus, und die Verteidigung der Muttersprachen ist eine Verteidigung der Identität, der Würde und der Menschenrechte.
Der Kampf für sprachliche Rechte ist ein untrennbarer Bestandteil des Kampfes für Menschenrechte. Wir sind solidarisch mit allen, die für den Erhalt und die Wiederbelebung ihrer Sprache und Identität kämpfen, und wir werden weiterhin die repressive Politik der Islamischen Republik Iran dokumentieren und aufdecken.