Sonderbericht von Hengaw zu weit verbreiteten Menschenrechtsverletzungen im Iran, 2025
Hengaw –Mittwoch,31. Dezember 2025
Die Menschenrechtsorganisation Hengaw hat einen umfassenden Bericht zur Menschenrechtslage im Iran im Jahr 2025 veröffentlicht. Der Bericht dokumentiert schwerwiegende und weit verbreitete Verstöße gegen Grundrechte. Der statistische Bericht, der auf Daten des Statistik- und Dokumentationszentrums der Menschenrechtsorganisation Hengaw basiert, hebt eine deutliche Zunahme von Hinrichtungen, willkürlichen Verhaftungen, systematischer Gewalt und anderen schweren Menschenrechtsverletzungen im ganzen Land hervor.
Abschnitt 1
Einleitung
Laut den Daten des Statistik- und Dokumentationszentrums der Menschenrechtsorganisation Hengaw ereigneten sich im Jahr 2025 folgende Ereignisse:
● Mindestens 1.858 Hinrichtungen.
● Mindestens 74 Zivilisten wurden durch direktes Feuer von Regierungstruppen getötet.
● Mindestens 59 Menschen starben in Haftanstalten.
● Mindestens 4٧ Zivilisten wurden durch Landminen und Blindgänger getötet oder verletzt.
● Mindestens 1.552 Personen, deren Identität zweifelsfrei bestätigt wurde, wurden verhaftet oder sind verschwunden.
● Mindestens 24 politische Aktivisten und Demonstranten wurden zum Tode verurteilt.
● Mindestens 454 politische, zivilgesellschaftliche und religiöse Aktivisten wurden zu Haftstrafen und Auspeitschungen verurteilt.
● Mindestens 207 Frauen wurden im Zuge häuslicher Gewalt von Familienangehörigen getötet.
● Dieser Bericht behandelt die Tötung einer queeren Frau und gibt einen kurzen Überblick über die Situation queerer Menschen im Iran.
Die Menschenrechtsorganisation Hengaw wird in den kommenden Tagen detaillierte Berichte zu jedem dieser Bereiche veröffentlichen.
Abschnitt 2
Hinrichtung von mindestens 1.858 Gefangenen im Jahr 2025
Den Dokumenten zufolge haben die iranischen Behörden im Jahr 2025 landesweit mindestens 1.858 Gefangene hingerichtet. Dies entspricht einem Anstieg von über 100 Prozent gegenüber 2024, als im Iran 909 Gefangene hingerichtet wurden.
Wichtige Punkte zur Hinrichtungsstatistik:
Die Identität von 1.796 hingerichteten Gefangenen wurde bestätigt, die von 62 Gefangenen wird noch überprüft.
● Mindestens 55 Frauen wurden hingerichtet.
● Mindestens ein jugendlicher Straftäter wurde hingerichtet.
● Nur 75 Hinrichtungen wurden offiziell von staatsnahen Medien bekannt gegeben.
● Mindestens 81 Gefangene wurden heimlich und ohne die Möglichkeit eines letzten Familienbesuchs hingerichtet.
● Die Todesurteile von mindestens elf Gefangenen wurden öffentlich vollstreckt.
Hingerichtete Anklagepunkte:
● Politische, religiöse und Spionage-bezogene Anklagepunkte: 43 Gefangene
● Vorsätzlicher Mord: 915 Gefangene
● Drogendelikte: 852 Gefangene
● Vergewaltigung: 36 Gefangene
● Bewaffneter Raubüberfall: 12 Gefangene
● Wirtschaftsbezogene Anklagepunkte: 1 Gefangener
Aufschlüsselung der hingerichteten Gefangenen nach Nationalität und ethnischer Zugehörigkeit:
● Kurdische Gefangene: 264
● Lor-Gefangene: 239
● Türkische Gefangene: 164
● Belutschische Gefangene: 142
● Gilak-Gefangene: 92
● Arabische Gefangene: 73
● Turkmenische Gefangene: 13
●Tat-Gefangene: 5
● Qashqai-Gefangene: 2
● Ethnische Zugehörigkeit nicht von Hengaw bestätigt: 271
● Persische (Fars) Gefangene: 506
● Gefangene mit afghanischer Staatsangehörigkeit: 85
Abschnitt 3
Mindestens 74 Zivilisten durch Regierungsfeuer im Iran getötet (2025)
Im vergangenen Jahr hat die Zahl der getöteten Zivilisten durch direktes Feuer iranischer Regierungstruppen, darunter die Islamischen Revolutionsgarden, die Basij-Miliz, Sicherheitskräfte und die Polizei, im Vergleich zu den Vorjahren deutlich zugenommen. Die meisten dieser Tötungen ereigneten sich während der verschärften Sicherheitslage im Iran während des zwölftägigen Iran-Israel-Krieges.
Im Jahr 2025 wurden mindestens 74 Zivilisten durch direktes Feuer von Regierungstruppen getötet. Dies entspricht einem Anstieg um mindestens 46 Fälle bzw. 164 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Den Dokumenten zufolge:
● Mindestens 59,5 Prozent der getöteten Zivilisten – 44 Fälle – waren Belutschen.
● Mindestens 15 kurdische Zivilisten (20 Prozent) gehörten ebenfalls zu den Getöteten.
● Mindestens sechs Frauen wurden durch direktes Feuer von Regierungstruppen getötet.
● Mindestens drei Kinder wurden im vergangenen Jahr durch direktes Feuer von Regierungstruppen getötet. Ihre Identitäten sind:
1.Yousef Shelibar, 5 Jahre alt, aus Iranshahr
2.Raha Sheikhi, 4 Jahre alt, aus Khomein
3.Zolfaghar Sharifi, 7 Jahre alt, aus Hoveyzeh
Bemerkenswerterweise wurden mindestens 40 dieser Zivilisten innerhalb von 40 Tagen nach Ausbruch des Iran-Israel-Krieges getötet. Dies geschah infolge der Militarisierung von Städten, insbesondere der Errichtung von Kontrollpunkten an den Stadteinfahrten durch Regierungstruppen. Diese Fälle machen 55 Prozent aller im Jahr 2025 registrierten zivilen Tötungen aus.
Abschnitt 4
Haftbedingungen im Iran: Mindestens 59 Todesfälle von Gefangenen im Jahr 2025
Mindestens 59 Gefangene starben im Jahr 2025 in iranischen Gefängnissen. Im Vergleich zum Vorjahr bedeutet dies einen Anstieg um mindestens 37 Fälle, was einem Zuwachs von 168 Prozent entspricht.
Kurzer statistischer Überblick:
● Mindestens sieben Gefangene, darunter drei Kurden, starben an den Folgen von Folter.
● Laut Hengaw-Daten starben 34 Gefangene aufgrund mangelnder medizinischer Versorgung.
● Mindestens elf Gefangene begingen in iranischen Gefängnissen Selbstmord.
● Mindestens acht politische Gefangene, darunter drei Kurden und zwei Araber, starben in Haft.
Laut Hengaw-Statistiken:
● Mindestens 21 der verstorbenen Gefangenen, was 35,5 Prozent aller Fälle entspricht, waren kurdische Gefangene.
● Acht Belutschen, vier Gilaken, vier Araber und zwei Lor-Gefangene starben ebenfalls.
● Mindestens zwei ausländische Staatsangehörige aus der Schweiz und Afghanistan starben in iranischen Gefängnissen.
● Mindestens 13 persische Gefangene starben, während für fünf Gefangene keine genauen Angaben zur Identität vorlagen.
Abschnitt 5
Bestätigte Identität von 1.542 Inhaftierten im Jahr 2025
Im Jahr 2025 wurden 1.546 Personen von staatlichen Institutionen der Islamischen Republik Iran festgenommen oder entführt. Ihre vollständige Identität wurde von Hengaw bestätigt. Diese Zahl umfasst ausschließlich Personen, die aus politischen, kulturellen, zivilen oder religiösen Gründen inhaftiert wurden und deren vollständige Identität bestätigt ist.
Aufschlüsselung der Inhaftierten nach nationalen und ethnischen Minderheitengruppen:
Von den 1.546 Inhaftierten, deren vollständige Identität bestätigt wurde, waren mindestens 729 Fälle – das entspricht 47 % aller bestätigten Inhaftierungen – Kurden.
● 729 Kurden inhaftiert
● 272 Perser inhaftiert
● 256 Belutschen inhaftiert
● 79 Luren inhaftiert
● 74 Araber inhaftiert
● 55 Türken inhaftiert
● 33 Gilaken inhaftiert
● 15 ausländische Staatsangehörige inhaftiert
● 5 Sistani inhaftiert
● 4 Qashqai inhaftiert
● 2 Turkmenen inhaftiert
● In 29 Fällen konnte Hengaw die ethnische Zugehörigkeit der Inhaftierten nicht genau verifizieren.
Inhaftierung von Kindern:
Laut Hengaw-Daten wurden im Jahr 2025 mindestens 48 Kinder unter 18 Jahren von iranischen Staatsinstitutionen inhaftiert. Über 98 % von ihnen waren kurdische, belutschische oder Luren-Kinder. Drei der inhaftierten Kinder waren Mädchen (drei kurdische Mädchen), 45 waren Jungen.
● Kurdische Kinder: 25 Fälle, das entspricht 52 % aller inhaftierten Kinder
● Belutschische Kinder: 18 Fälle, das entspricht 37,5 % aller inhaftierten Kinder
● Lor-Kinder: 4 Fälle, das entspricht 8,5 % aller inhaftierten Kinder
● Arabische Kinder: 1 Fall, das entspricht 2 % aller inhaftierten Kinder
Weitere Details zur Inhaftierung von 167 Frauen:
Laut Hengaw-Daten wurden im Jahr 2025 mindestens 167 Aktivistinnen inhaftiert. Dies entspricht 10,5 % aller in diesem Jahr registrierten Inhaftierungen.
● Mindestens 51 Bahai-Frauen inhaftiert
● Mindestens 41 kurdische Frauen inhaftiert
● Mindestens 14 Gilak-Frauen inhaftiert
Weitere Details zur Inhaftierung von 177 Aktivisten religiöser Minderheiten:
Im Jahr 2025 wurden mindestens 177 Personen von iranischen Staatskräften aufgrund religiöser Aktivitäten inhaftiert, die meisten von ihnen Anhänger des Bahai-Glaubens und des sunnitischen Islams.
● 82 Baha’i-Aktivisten festgenommen
● 58 sunnitische Aktivisten festgenommen
● 21 Anhänger der Yamani-Bewegung festgenommen
● 8 zum Christentum konvertierte Personen festgenommen
● 5 Anhänger der Yarsan-Bewegung festgenommen
● 3 abweichende schiitische Geistliche festgenommen
Weitere Einzelheiten zur Festnahme von Arbeitsaktivisten, Künstlern und Anwälten:
● Mindestens 41 Lehrer und Hochschuldozenten festgenommen
● Mindestens 19 Studenten festgenommen
● Mindestens 14 Anwälte festgenommen
● Mindestens 21 Medienaktivisten und Journalisten festgenommen
● Mindestens 45 Künstler und Schriftsteller festgenommen
Abschnitt 6
Opfer von Landminenexplosionen im Jahr 2025
Im Jahr 2025 wurden im Iran mindestens 47 Menschen Opfer von Explosionen durch Landminen oder explosive Kriegsreste. Diese Vorfälle betrafen Landminen aus dem Iran-Irak-Krieg, Minen, die von den Islamischen Revolutionsgarden (IRGC) gelegt wurden, sowie Blindgänger aus dem zwölftägigen Iran-Israel-Krieg.
Zum Vergleich: Im Vorjahr wurden mindestens 57 Menschen als Opfer von Landminenexplosionen gemeldet.
Von diesen Opfern:
● 20 Menschen wurden getötet.
● 27 Menschen wurden verletzt oder erlitten Amputationen.
● 23 Fälle – das entspricht 50 % der Opfer – betrafen Frauen und Kinder.
Aufschlüsselung der Opfer:
Mindestens 18 Kinder unter 18 Jahren waren betroffen, fünf von ihnen wurden getötet.
● Mindestens fünf Frauen, darunter drei Mädchen unter 18 Jahren, gehörten zu den Opfern.
● Mindestens 17 Kurden waren unter den Opfern.
● Mindestens elf Belutschen und zehn Luren gehörten zu den Opfern.
● Mindestens drei Afghanen und drei Araber gehörten zu den Opfern.
Diese Zahlen verdeutlichen die anhaltende Gefahr durch Landminen und Blindgänger im Iran, insbesondere in Grenzregionen und weniger entwickelten Gebieten.
Abschnitt 7
Verhängung harter Strafen: Tod, Haft und Auspeitschung für politische, zivilgesellschaftliche und religiöse Aktivisten
Im Jahr 2025 wurden mindestens 454 politische, zivilgesellschaftliche und religiöse Aktivisten vom Justizsystem der Islamischen Republik Iran vor Gericht gestellt und zu Strafen wie Tod, Haft und Auspeitschung verurteilt. Mehr als 49 % der Angeklagten und Verurteilten (219 Fälle) waren kurdische Aktivisten. Mindestens 30 dieser Personen wurden zum Tode verurteilt; die Urteile von sechs wurden in der Berufung aufgehoben, die Todesurteile von zwei wurden vollstreckt.
Unter den 26 Personen, denen weiterhin die Todesstrafe droht:
● 5 Gilak
● 5 Kurden
● 3 Belutschen
● 3 Araber
● 2 Türken
● 3 Perser (Fars)
Drei Frauen – Nasim Eslamazahi (Belutsche), Zahra Shahbaz Tabari (Gilak) und Sharifeh Mohammadi (Türkin) – wurden ebenfalls zum Tode verurteilt. Obwohl Sharifeh Mohammadis Todesurteil aufgehoben und in eine 30-jährige Haftstrafe umgewandelt wurde, droht den beiden anderen Frauen weiterhin die Hinrichtung.
Darüber hinaus:
Diese 454 politischen, religiösen und zivilgesellschaftlichen Aktivisten wurden außerdem zu Haftstrafen, Auspeitschungen und sozialer Ausgrenzung verurteilt.
Insgesamt wurden folgende Strafen verhängt:
● 1.766 Jahre und 11 Tage Freiheitsstrafe (Ta'zir)
● 32 Jahre und 8 Monate Bewährungsstrafe
● 11 von ihnen wurden zu insgesamt 728 Peitschenhieben verurteilt.
Urteile gegen Angehörige nationaler und ethnischer Minderheiten:
● Mindestens 219 kurdische Aktivisten wurden zu insgesamt 580 Jahren, 11 Monaten und 21 Tagen Freiheitsstrafe, 29 Jahren und 8 Monaten Bewährungsstrafe und 188 Peitschenhieben verurteilt. Zusätzlich wurden 10 kurdische Aktivisten zum Tode verurteilt; die Todesurteile von fünf wurden aufgehoben, und sie warten auf neue Urteile.
● Mindestens 31 türkische Aktivisten wurden zu insgesamt 158 Jahren Haft verurteilt, zwei von ihnen zum Tode.
● Mindestens 24 Aktivisten der Lor-Bewegung wurden zu insgesamt 103 Jahren und 8 Monaten Haft verurteilt, einer von ihnen zum Tode.
● Mindestens 19 arabische Aktivisten wurden insgesamt zu 172 Jahren und 8 Monaten Haft verurteilt, drei von ihnen zum Tode.
● Mindestens 11 Gilak-Aktivisten wurden zu 18 Jahren, 8 Monaten und 17 Tagen Haft verurteilt, fünf von ihnen zum Tode.
● Mindestens sechs belutschische Aktivisten wurden zu 26 Jahren und 6 Monaten Haft verurteilt, drei von ihnen zum Tode.
Weitere Details:
● Zwei 17-jährige kurdische und belutschische Jugendliche wurden insgesamt zu 12 Jahren Haft verurteilt.
● Mindestens 78 Frauen wurden insgesamt zu 354 Jahren, 10 Monaten und 12 Tagen Freiheitsstrafe, 9 Jahren Bewährungsstrafe und 252 Peitschenhieben verurteilt. Zwei Frauen wurden ebenfalls zum Tode verurteilt.
● Mindestens zwölf Medienaktivisten wurden zu Freiheitsstrafen von insgesamt 26 Jahren, sechs Monaten und 15 Tagen verurteilt.
Religiöse Minderheiten:
● Mindestens 15 zum Christentum konvertierte Personen wurden insgesamt zu Freiheitsstrafen von 139 Jahren und zwei Monaten sowie 174 Peitschenhieben verurteilt.
● Mindestens 29 Bahai-Aktivisten wurden insgesamt zu Freiheitsstrafen von insgesamt 142 Jahren, zwei Monaten und 17 Tagen verurteilt.
● Mindestens 29 sunnitische Aktivisten wurden insgesamt zu Freiheitsstrafen von insgesamt 92 Jahren und fünf Monaten, neun Jahren Bewährung und drei zum Tode verurteilt.
Abschnitt 8
● Mindestens 59 Kolbars im Jahr 2025 getötet oder verletzt
Laut Daten des Statistik- und Dokumentationszentrums der Menschenrechtsorganisation Hengaw wurden im Jahr 2025 in den Grenzregionen der Provinzen Kermanshah (Kermashan), Kurdistan (Sanandaj) und West-Aserbaidschan (Urmia) mindestens 59 Kolbars getötet oder verletzt. Dies entspricht einem Rückgang von mindestens 280 Fällen bzw. 82,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Im Jahr 2024 wurden mindestens 339 Kolbars und informelle Grenzhändler getötet.
Dem Bericht zufolge wurden mindestens 25 Kolbars getötet (42,5 Prozent der Gesamtfälle), während mindestens 34 weitere verletzt wurden.
Mindestens 49 Fälle (83 Prozent aller registrierten Tötungen und Verletzungen) gingen auf direkten Beschuss durch die Streitkräfte der Islamischen Republik Iran zurück. Vier Kolbars kamen durch Naturkatastrophen ums Leben, drei weitere durch Landminenexplosionen. Drei weitere Todesfälle waren auf Verkehrsunfälle, Herzstillstand und körperliche Angriffe zurückzuführen.
Weitere Details:
● Mindestens zwei 17-jährige Kolbars wurden in den Grenzgebieten von Nosud und Baneh verletzt.
● Die meisten Opfer wurden mit 23 Fällen in den Grenzgebieten des Kreises Baneh verzeichnet.
● Die Provinz Kurdistan (Sanandaj) verzeichnete mit 43 Fällen den größten Anteil an Opfern (73 Prozent der Gesamtzahl).
Abschnitt 9
Mindestens 207 Femizide im Iran 2025
Laut Daten des Statistik- und Dokumentationszentrums der Menschenrechtsorganisation Hengaw wurden im Jahr 2025 im Iran mindestens 207 Femizide dokumentiert. 31 dieser Fälle (14,5 Prozent) wurden mit sogenannten Ehrenmotiven begangen.
Weitere Details:
● Mindestens 13 Frauen wurden getötet, nachdem sie Heiratsanträge abgelehnt hatten.
● Mindestens 10 Frauen wurden von ihren Ehemännern getötet, nachdem sie die Scheidung eingereicht hatten.
● Mindestens 10 Frauen, die Opfer von Kinderehen waren, wurden von ihren Ehemännern getötet.
● Mindestens sieben Frauen, die Opfer von Zwangsehen waren, wurden getötet.
Provinzen mit den meisten registrierten Femizidfällen:
●Teheran: 32 Fälle
● Mazandaran, Kermanshah, Razavi Khorasan und West-Aserbaidschan (Urmia): je 14 Fälle
● Ost-Aserbaidschan, Fars und Sistan und Belutschistan: je 11 Fälle
● Gilan und Lorestan: je 10 Fälle
● Kerman: 7 Fälle
● Chuzestan und Alborz: je 6 Fälle
In den meisten Fällen waren die Täter Personen aus dem engsten Umfeld der Opfer, darunter Ehemänner, Ex-Ehemänner, Väter, Brüder und andere Familienmitglieder.
Diese Femizidfälle werden in einem Kontext registriert, der von den frauenfeindlichen Gesetzen der Islamischen Republik Iran und tief verwurzelten patriarchalischen und ehrenbasierten sozialen Normen geprägt ist. Dadurch bleiben viele Femizide in der Statistik verborgen. Nach internationalen Standards deutet alles darauf hin, dass überall dort, wo Femiziddaten ungenau sind und es an Transparenz in der Justiz mangelt, eine umfassendere und schwerwiegendere Krise im Gange ist.
Da wirksame Rechtsmechanismen fehlen, sind unabhängige zivilgesellschaftliche Organisationen und Nichtregierungsorganisationen weiterhin die wichtigsten Akteure, die Femizidfälle dokumentieren können. In vielen Teilen Irans existieren solche Organisationen nicht, was einer der Gründe dafür ist, dass in einigen Regionen keine verlässlichen statistischen Daten zu Femiziden vorliegen.
Abschnitt 10
Situation sexueller und geschlechtlicher Minderheiten
Nach iranischem Recht sind gleichgeschlechtliche Beziehungen strafbar und werden mit Strafen von Auspeitschung bis hin zur Todesstrafe geahndet.
Die freie Entfaltung der Geschlechtsidentität von Transgender-Personen wird durch die Durchsetzung des Kopftuchzwangs gemäß islamischem Strafgesetzbuch sowie durch die staatlich verordnete Geschlechterbinarität und die Leugnung der selbstbestimmten Geschlechtsidentität im Iran kriminalisiert.
Sogenannte „Geschlechtsumwandlungsoperationen“, wie sie von der Islamischen Republik definiert werden und in Wirklichkeit der Geschlechtsangleichung und rechtlichen Geschlechtsangleichung dienen, entsprechen weiterhin nicht den internationalen medizinischen und menschenrechtlichen Standards. Berichten zufolge werden im Rahmen dieser Verfahren weiterhin Zwangs- und Folterpraktiken angewendet.
Es liegen keine genauen oder umfassenden Daten zur Anzahl der inhaftierten Personen aus sexuellen und geschlechtlichen Minderheitengemeinschaften vor.
Der Status und die Haftbedingungen von Transgender-Gefangenen, die zuvor im Evin-Gefängnis inhaftiert waren, sind nach ihrer Verlegung in die Gefängnisse Qarchak und Shahr-e Rey und ihrer anschließenden Rückführung nach Evin weiterhin unklar.
Es gibt keine verlässlichen statistischen Daten zu Tötungen von queeren Personen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität. Dieses Fehlen von Daten spiegelt die systemische Intransparenz der iranischen Justiz, die Rolle staatlich kontrollierter Medien und die Komplizenschaft patriarchalischer Familienstrukturen mit der Regierung wider.
Im Jahr 2025 dokumentierte die Hengaw-Organisation für Menschenrechte den Fall eines Transfemizids in Shiraz und hielt die schwerwiegenden Umstände der Tötung der Transfrau Sogand Pakdel fest.
Abschnitt 11
Fazit
Aufgrund dokumentierter Daten und Beweise für systematische Menschenrechtsverletzungen im Iran im Jahr 2025 bewertet die Hengaw-Organisation für Menschenrechte die aktuelle Menschenrechtslage im Land als gravierend. Diese Einschätzung ist besonders brisant in der Zeit nach dem Iran-Israel-Krieg, in der Repression und staatliche Gewalt weiter zugenommen haben.
Die systematischen Tötungen durch die Islamische Republik haben im vergangenen Jahr nicht nur zugenommen, sondern auch das Niveau der vergangenen Jahrzehnte übertroffen. Gleichzeitig sind die Repressionspraktiken verschärft worden, begleitet von einem deutlichen Anstieg der Anschuldigungen der angeblichen „Kollaboration mit Israel“, die zunehmend als Repressionsinstrument eingesetzt werden.
Trotz der hohen Dunkelziffer an Tötungen von Frauen zeigen die von Hengaw dokumentierten Daten weiterhin einen Aufwärtstrend im Vergleich zu den Vorjahren. Eine umfassende Auswertung der erfassten und der nicht erfassten Daten belegt zudem, dass die Repression gegen nationale und ethnische, religiöse sowie sexuelle und geschlechtliche Minderheiten weiterhin schwerwiegend ist.
In diesem Zusammenhang appelliert Hengaw an die Zivilgesellschaft im Iran und die internationale Gemeinschaft, wirksame Mechanismen zu etablieren, um die alarmierende Eskalation der Hinrichtungen und die umfassenderen Repressionsmuster im Land präzise zu erfassen. Angesichts der Vielschichtigkeit der Unterdrückungs- und Repressionsstrukturen im Iran muss besonderes Augenmerk auf die unverhältnismäßigen Auswirkungen staatlicher Gewalt auf Minderheiten und andere marginalisierte Gruppen gelegt werden.